
Wenn die Autorin warnt, dass das Buch für sensible Personen nur geeignet ist, wenn eine vertraute Person in der Nähe ist, dann weiss man, dass man sich bei der Bücherwahl nicht für leichte Kost entschieden hat.
Hartmuts Leben, das sich in einem Waisenhaus in Deutschland nach Kriegsende abspielt, ist auch nicht leicht zu ertragen. Er wird in einem von Nonnen geführten Kinderheim untergebracht, da er in der Nachkriegszeit ohne Eltern und Verwandte aufwachsen muss. Er kann sich nicht an seinen Namen erinnern, so wird er Hartmut genannt, er weiss als Fünfjähriger beim Eintritt ins Heim seinen Geburtstag nicht, so wird in seinen Dokumenten xx.xx.1942 angegeben. Traumatisiert von seinen Erlebnissen, wagt er nicht zu sprechen und wird deshalb für dumm angesehen. Die Kinder im Heim sind nummeriert, er trägt die 104.
Da die älteren Kinder den jüngeren helfen müssen, lernt er Nr. 87 kennen. Die ältere Margret bemerkt, dass Hardy (wie sie ihn nennt) sprechen kann und hilft ihm, so gut sie kann. Durch Bemühungen des Roten Kreuzes erfährt Margret von einer Tante und wird von ihr aus dem Kinderheim geholt. Dieses Erlebnis traumatisiert Hartmut von neuem, da er dem Auto hinterherschreit, alle nun wissen, dass er sprechen kann und die Nonnen ihn in ein dunkles Zimmer einschliessen, bis er auch mit ihnen spricht.
All diese Erlebnisse erfährt man im Rückblick, denn Hartmuts und Margrets Urenkelin Emely soll der Mutter weggenommen und in einem Heim untergebracht werden, da die Mutter psychische Probleme hat. Hartmut reagiert in schwierigen Situationen mit Erstarren, seine Reaktionen werden mit Erinnerungen erklärt. Dass auch Margret immer noch mit ihrer Vergangenheit hadert, wird im Laufe des Buches immer deutlicher. Die beiden verschweigen ihre Geschichten aber konsequent, obwohl das Erlebte ihren Alltag immer noch beeinflusst. Sie finden aber Halt aneinander, der sie extrem zusammenwachsen lässt. Die ganze Familie mit ihren vier Generationen ist aber vom Schweigen und der schwierigen Vergangenheit betroffen. Nur Emely ist stark und empathisch genug, um den Ursachen ihrer verkorksten Familie auf den Grund zu gehen. Was sie findet, erschreckt sie. Und uns als Lesende auch.
Susanne Abel hat mit ihrem Nachkriegsroman viele schwierige Themen in eine fesselnde, intensive Geschichte eingeflochten. Und ja, man muss sich in diese Geschichte einlassen wollen, damit man sie ertragen kann.
Die Warnung am Anfang des Buches sollte wirklich ernst genommen werden.
Martina Steiner