Januar 2026 „Ich fahr Pakete aus in Peking“

Hu Anyan

Das in China sehr erfolgreiche Buch ist der Bericht des Tiefstlohnarbeiters Hu Anyan, der seine Erfahrungen während zwanzig Jahren in neunzehn verschiedenen Niedriglohnjobs in mehreren anonymen Megastädten Chinas schildert.

Gleich nach der Highschool arbeitet Hu unter anderem als Fahrradmechaniker, an einer Tankstelle, in einem Logistikzentrum und als Sicherheitsmann.

Titelgebend ist seine Anstellung als Paketbote in Peking, deren Beschreibung den grössten Platz im Buch einnimmt. Allein in Peking arbeiten um die 200’000 Menschen als Boten für so gut wie alles, was online bestellt und sofort geliefert werden muss.

Die Schilderung, vom Beginn der Bewerbung bis endlich hin zur Anstellung, hat kafkaeske Züge.

Hu beschreibt, wie er von einem Büro zum nächsten geschickt wird, unterbrochen von einem Besuch in einem Gesundheitszentrum, um ein Attest seiner guten körperlichen Verfassung vorlegen zu können, die bestätigt, dass er bei der anschliessenden Plackerei nicht zusammenbrechen wird, wobei sich all diese Anlaufstellen selbstredend in verschiedenen Stadtteilen der Riesenstadt Peking befinden. Der riesige Stress beim Abliefern der Pakete ist beim Lesen spürbar und erinnert mich an unsere Postdienstleister, deren Touren zeitlich auch immer mehr gekürzt werden, mit dem Unterschied, dass es in China pro Monat nur zwei freie Tage gibt und die Arbeitszeiten sehr lang sind.

Bei seiner Anstellung in einem riesigen Logistikzentrum arbeitete er in der Paketsortierung. Zuerst musste Hu drei Tage lang zur Probe arbeiten, natürlich ohne Lohn, um danach für einen Minimallohn von neunzehn bis sieben Uhr durchzuarbeiten, unterbrochen von einer halbstündigen Essenspause um halb zehn.

Hu blieb immer so lange an einer Stelle, bis die Arbeit zu langweilig, zu stressig oder der Vorgesetzte endgültig unerträglich wurde. Dies erklärt die vielen Stellenwechsel.

Sprachlich ist das Buch nüchtern geschrieben, ohne Kritik an Firmen oder an der Regierung, was vermutlich dem Umstand geschuldet ist, dass es ansonsten in China nicht hätte veröffentlicht werden können. Durch die Schilderung manch absurd komischer Situation liest sich das Buch flüssig, regt aber auch zum Nachdenken an.

Christian Zürcher