
Was bestimmt, wer wir sind und wer wir werden? 1987 nimmt Cora ihre neunjährige Tochter mit zum Standesamt, um dort ihren neugeborenen Sohn eintragen zu lassen.
Aufgrund der langen Tradition der Familie ihres Ehemannes wird erwartet, dass das Kind seinen Namen und den seiner Vorfahren bekommt. Aber soll er wirklich den Namen tragen, den Generationen von dominanten Männern vor ihm hatten?
«Denn Gordon ist der Name, der in der Familie ihres Mannes von Vater zu Sohn weitergegeben wird, und ein Abweichen davon scheint unmöglich. Trotzdem hält es sie nicht davon ab, sich wieder in Erinnerung zu rufen, wie oft sie schon gedacht hat, dass der Name einer Person ihren Lebensweg beeinflusst haben könnte.»
Maia, die Tochter, möchte ihrem kleinen Bruder den Namen Bear geben. Bär, wie jemand, den man in den Arm nehmen kann und der in den Arm nimmt, und der dabei trotzdem mutig und stark ist. Cora möchte ihren Sohn Julian nennen und hofft, dass die Bedeutung «Himmelsvater» ihren Mann gnädig stimmt. Mit einem anderen Namen als dem seiner Vorfahren möchte sie ihrem Kind einen eigenständigen Lebensweg ermöglichen.
In Abständen von jeweils sieben Jahren trifft man auf drei Versionen des Lebens des Kindes und seiner Familie: Bear, Julian und Gordon. Drei Namen, drei Schicksale, geprägt von Widerstand, Liebe und den Auswirkungen, die eine einzige Wahl auf ein Leben haben kann.
Kann eine Entscheidung alles ändern, und gibt es einen Ausweg aus dem vorgezeichneten Weg des Erbes und der Tradition?
Je nach Eintrag in der Geburtsurkunde ändern sich Verlauf und Dynamik der Geschichte. Personen aus dem Umfeld bleiben gleich, ihre Rolle und ihr Einfluss aber ändern sich mit dem Schicksal der Familie. Die einzelnen Universen bleiben geschickt miteinander verwoben, und unmittelbar vergleicht man die unterschiedlichen Lebenswege.
Welchen Einfluss haben die Gene, welchen die Namen auf Menschen? Ist ein Name tatsächlich Prognose? Warum bleiben Frauen in gewalttätigen Ehen? Welchen Einfluss hat eine schwierige Familiensituation auf die Kinder, auf ihre Beziehungsfähigkeit und ihr Vertrauen in andere Menschen in ihrem weiteren Leben?
Mit den unterschiedlichen Lebenswegen, die sich je nach Namen gestalten, greift die Autorin diese Fragestellungen auf.
Der Roman beschreibt ein spannendes, clever aufgebautes Gedankenexperiment. Im Kern aber werden häusliche Gewalt und deren Auswirkungen auf eine Familie thematisiert. Obwohl es in diesem emotionalen Buch um Schmerz und schwierige Lebensumstände geht, ist trotzdem immer Platz für Hoffnung.
Die britische Autorin Florence Knapp hat Fachbücher geschrieben und mit «Die Namen» debütiert. Mit diesem Roman ist ihr der internationale Durchbruch gelungen – meines Erachtens zurecht.
Andrea Zürcher